23. Mai 2025

Hortus: Lehm mit Holz im großen Maßstab

Durch die Fenster des frisch bepflanzten Innenhofs von Hortus sind die Holz-Lehm-Decken zu sehen. ©Maris Mezulis, Herzog & de Meuron
Das Hortus-Projekt ist mehr als nur ein Gebäude: Es ist der Beweis, dass nachhaltige Materialien wie Holz und Lehm in großem Maßstab funktionieren. Hortus wurde geplant von Herzog & de Meuron und zpf und entwickelt von Senn. Traditionelle Bauweisen inspirierten zu CO₂-armen Aufbauten, regionale Ressourcen wurden genutzt und ein Lösungsvorschlag für zukünftiges Bauen wurde erschaffen. Doch Nachhaltigkeit bedeutet mehr als nur Materialien: Sie erfordert Zusammenarbeit, Innovation und den Mut, gemeinsam neue Wege zu gehen, wie bei Hortus.

Vom Aushub zur Decke – Hortus: Holz und Lehm industriell bewährt

Im März 2024 wurde es still in der Feldfabrik in Allschwil, nach 8 Monaten Produktion wurde die kleine Zeltstadt abgebaut. 810 vorfabrizierte Decken Elemente aus Holz waren mit dem lokalen Aushub befüllt und verdichtet worden, um dann 200m weiter montiert zu werden. Möglich war dies nur dank Mut, Kollaboration und Kreativität aller Beteiligten. Die unermüdliche Arbeit des ausdauernden Teams von Blumer Lehmann und Lehm Ton Erde wurde von hochspezialisierten Maschinen unterstützt, welche eigens fürs Projekt entwickelt worden war. Eine Woche nach Abschluss der Produktion wurde der Richtbaum auf dem Giebel montiert und somit der Rohbau des innovativen Bürogebäudes fertiggestellt. Das Leuchtturmprojekt wurde im Juni 2025 eröffnet.
 

Die dabei gewonnenen Erkenntnisse bilden heute, neben der jahrzehntelangen Erfahrung der Beteiligten Firmen Lehm Ton Erde, gbd und Blumer Lehmann, das Fundament von Lehmit. Wir blicken zurück auf ein intensives, herausforderndes und spannendes Projekt:

Vorbereitung und Entwicklung

Als der Zuschlag für’s Projekt ins Haus flatterte, blieben nur noch drei Monate, um die Feldfabrik zu konzipieren und Maschinen zu entwickeln. Mit Ideenreichtum und Offenheit gegenüber dem neuen Team und der Materialkombination wurde in mehreren Workshops das Produktionskonzept erarbeitet. In Zusammenarbeit mit Bertram Hartmann, einem 1-Mann-Maschinenbauunternehmen aus Lichtenstein, wurden die Mini-Beschicker zur Befüllung der Elemente entwickelt und gebaut. Um keine Zeit zu verlieren, wurde zeitgleich der Mischplatz vorbereitet, vier Zelte aufgebaut und eingerichtet, ein Wendeportal entwickelt und das Produktionsteam zusammengestellt, welches verrückt genug war, eine Produktion zu betreiben, die es so noch nie gegeben hatte.

Aus Aushub wird Baumaterial

Parallel zum Aufbau der Feldfabrik wurde auf dem Baufeld bereits ausgehoben. Unter einer dünnen Humusschicht lagen drei Bodentypen: Lehmige Schicht, lehmiger Schotter, sandiger Schotter – die nach und nach in zehn‑Zentimeter‑Lagen ausgehoben, gesiebt und zerkleinert wurden. Im richtigen Mischungsverhältnis, welches vorab von Lehm Ton Erde erstellt und erprobt wurde, lieferten sie 75 % des Stampflehmmaterials, ergänzt durch regionalen Mergel. In Mitteleuropa können meistens mindestens 50% des Aushubs für Stampflehm verwendet werden.

Die verschiedenen Schichten des Aushubs und das Mischen der unterschiedlichen Komponenten. ©Lehmit und David Walter, Senn

Industrielle Produktion in der Feldfabrik

Die Holzrahmenelemente wurden aus lokalem Holz im Werk von Blumer Lehmann vorproduziert und nach Allschwil in die Feldfabrik transportiert. Dort wurden die Kammern der Rahmenelemente mit dem angemischten Rohmaterial maschinell befüllt und mittels Handstampfern, Elektrostampfern und Rüttelplatten zu Stampflehm verdichtet. Die befüllten Elemente wurden direkt nach der Verdichtung gewendet und im Pufferlager zwischengelagert, bis sie auf der Baustelle versetzt wurden und im Rohbau fertig trockneten. Trocknungszeiten mussten auf diese Weise nicht abgewartet werden und die Produktion konnte ,,just in time’’ die Montage beliefern.

Vom Zelt aufs Gebäude

Für den Transport der ca. 3.5 Tonnen schweren Elemente kam ein Traktor mit Spezial­anhänger zum Einsatz: Vier Elemente pro Fahrt, 200 Meter bis zur Baustelle. Dort versetzte das Montageteam die passgenauen Bauteile mit dem Kran und verschraubte sie zu einem Flächentragwerk. An Spitzentagen konnten bis zu 36 Elemente versetzt werden, das Pufferlager ermöglichte der Produktion eine entsprechende Vorlaufzeit, um die Baustelle auch an diesen Spitzentagen mit genügend Elementen beliefern zu können. In 6 Etappen wuchs Hortus in die Höhe, Geschoss um Geschoss, bis eine Woche nach dem letzten Element der Richtbaum auf dem First thronte.

Effizienter Materialeinsatz: Baumaterial statt Abfall

3000 Tonnen Erdmaterial wurden für Hortus verarbeitet. 100% Erde, die nicht als Abfall auf der Deponie landete, sondern als intelligente Masse zu Stampflehm verarbeitet wurde. Masse, welche im Hortus thermische Trägheit und idealen Feuchtigkeitshaushalt ermöglicht, wie auch den Brandschutz und die Akustik löst. Durch die Verwendung vom Aushub, konnte Holz eingespart werden, da dieses nicht auf Abbrand dimensioniert werden musste, sondern vom Lehm im Brandfall geschützt wird.

Im Brandschutztest, welcher in der Planungsphase durchgeführt wurde, wurde das Deckenelement REI 60 zertifiziert. ©Lehm Ton Erde

Holzbau + Lehmtakt: ein gewöhnlicher Prozess in neuem Rhythmus

Für Blumer Lehmann blieb Hortus weitgehend ein klassischer Holzbau. Abgesehen von den massiven Vollholzbalken aus Fichte entsprachen Fertigungsabläufe, CNC-Bearbeitung und Logistik dem Standard. Einzig die Stampflehmproduktion der Feldfabrik wurde zwischen Vorproduktion im Werk und Montage eingeschoben. Diese Entkopplung bewährte sich: Die Kombination von Stampflehm mit erprobten Holzbautechniken ermöglicht eine neue Skalierbarkeit und Effizienz im Lehmbau. Der Lehmbau profitiert von den erprobten Montage- und Verbindungstechniken des Holzbaus und es müssen keine Trocknungszeiten abgewartet werden. Der Holzbau erhält CO2-arme Masse und wird durch den Lehm vor Feuer geschützt, ohne dass der normale Ablauf auf der Baustelle gestört wird.

Ausblick

Mit Hortus wurde erstmals ein industriell gefertigtes Holz-Lehm-Deckensystem in dieser Größenordnung umgesetzt. Die dabei entwickelten Maschinen, Qualitätsprozesse und Erfahrungen sind integraler Bestandteil von Lehmit. Wir von Lehmit freuen uns auf nächste Projekte in welchen wir unser Wissen einbringen können und gemeinsam innovative Bauten aus Lehm mit Holz entwickeln können.